Stellungnahme des Jugendnetzwerk Lambda e.V. zum geplantenSocial-Media-Verbot für Minderjährige
Anmerkung der Redaktion: Diese Stellungnahme stammt vom Jugendnetzwerk Lambda e.V. und wurde von Queere-Jugend-Berlin.de unverändert übernommen. Das Original kann hier aufgerufen werden: lambda-online.de
Als bundesweite Selbstorganisation queerer junger Menschen beobachten wir die Debatte um ein mögliches Social Media Verbot für Minderjährige mit großer Sorge. Wir halten ein pauschales Verbot für den falschen politischen Ansatz. Es ignoriert die Lebensrealität junger Menschen – insbesondere queerer Jugendlicher – und löst keines der zugrunde liegenden Probleme.
Digitale Räume sind für queere Jugendliche unverzichtbar
Queere Jugendliche werden schon früh mit besonderen Herausforderungen konfrontiert. Die Phase der Selbstfindung geht häufig mit vielen Fragen, Unsicherheiten und dem Versuch einher, die eigene Identität einzuordnen. Gleichzeitig erleben viele queere Jugendliche Ablehnung, Unverständnis und Diskriminierung. Nicht selten kommen diese auch aus dem direkten sozialen Umfeld, etwa der Familie, dem Freundeskreis oder der Schule. Deshalb sind Räume, in denen queere Jugendliche Unterstützung, Austausch und Gemeinschaft erleben können, von zentraler Bedeutung.
Der digitale Raum ist für viele queere Jugendliche genau ein solcher Ort. Der niedrigschwellige Zugang ermöglicht es, Fragen zu stellen, Informationen zu erhalten und erste Kontakte zu knüpfen. Für viele junge Menschen sind Soziale Medien wichtige Räume der Repräsentation und Identitätsfindung. Darüber hinaus ermöglichen sie aktive gesellschaftliche Teilhabe: Jugendliche informieren sich über politische Themen, teilen Inhalte, unterstützen Petitionen oder beteiligen sich an öffentlichen Debatten. Soziale Medien tragen damit zur digitalen Partizipation und Demokratiebildung bei.
Besonders im ländlichen Raum fehlen bereits jetzt vielerorts erreichbare Jugendangebote. Gleichzeitig geraten Präsenzangebote der Kinder- und Jugendarbeit durch ausbleibende Mittelerhöhungen trotz Inflation oder
durch Kürzungen zunehmend unter finanziellen Druck.
Wenn lokale Angebote gekürzt und abgebaut werden, steigt die Bedeutung digitaler Räume zusätzlich.
Der Zugang erfolgt überwiegend über große kommerzielle Plattformen wie Instagram, TikTok oder Snapchat. Diese Plattformen sind mit bekannten Problemen verbunden etwa im Hinblick auf Datenschutz, Suchtmechanismen, Hassrede oder negative Auswirkungen auf Konzentration und psychische Gesundheit. Dennoch sind sie aktuell für viele junge Menschen der wichtigste Zugang zu Austausch und Gemeinschaft überhaupt, egal ob digital oder analog.
Ein Social-Media-Verbot löst die bestehenden Probleme nicht
Ein pauschales Social-Media-Verbot für Minderjährige ist keine Lösung, um junge Menschen im digitalen Raum zu schützen. Es würde die Nutzung digitaler Plattformen nicht beenden, sondern vielmehr in weniger regulierte Räume verlagern, etwa private Messengergruppen.
Gleichzeitig verschiebt ein Verbot die Verantwortung für die bestehenden Risiken digitaler Plattformen auf Minderjährige und ihre Erziehungsberechtigten. Dabei entstehen viele der Gefahren, denen Jugendliche online begegnen, durch Entscheidungen von Erwachsenen. Etwa durch Plattformdesign, Geschäftsmodelle oder algorithmische Systeme. Ein aktuelles Beispiel ist die KI „Grok“ auf der Plattform X, mit der hochgeladene Bilder durch einfache Prompts manipuliert werden können. Diese Technologie wurde unter anderem genutzt, um sexualisierte Inhalte von Kindern und Jugendlichen zu erstellen. Solche Risiken verschwinden nicht, nur weil Jugendliche von Plattformen ausgeschlossen werden. Ähnliches gilt für Inhalte, die Erwachsene selbst verbreiten, etwa wenn Kinderbilder ohne Einwilligung online veröffentlicht werden.
Darüber hinaus verkennt ein pauschales Verbot, dass digitale Plattformen sehr unterschiedlich funktionieren. Es bestehen erhebliche Unterschiede hinsichtlich Moderationsstrukturen, Geschäftsmodellen und Jugendschutzkonzepten. Ein Beispiel hierfür ist unser digitales Jugendzentrum “lambda space“. Als gemeinwohlorientierte, speziell für junge queere Menschen entwickelte Plattform zeigt lambda space, dass Social Media auch anders geht. Hier stehen die Jugendlichen und ihr Schutz – nicht der Gewinn – im Fokus.
Ein Social-Media-Verbot birgt zudem das Risiko, bestehende Schutzmechanismen zu schwächen. Wenn Plattformen formal nur noch für Erwachsene zugänglich sind, könnten spezifische Jugendschutzmaßnahmen reduziert werden.
Insgesamt bekämpft ein Verbot daher vor allem ein Symptom, ohne die strukturellen Ursachen digitaler Risiken anzugehen. Statt Plattformbetreiber*innen stärker in die Verantwortung zu nehmen und gegen Hassrede, Desinformation und manipulative Plattformmechanismen vorzugehen, würde die Verantwortung unter dem Vorwand des Jugendschutzes auf diejenigen verschoben, die diese Probleme nicht verursacht haben: junge Menschen.
Unsere Forderungen
- ) Queere junge Menschen müssen sich digital selbstbestimmt vernetzen und austauschen können, während sie wirksam vor Diskriminierung geschützt werden. Plattformen müssen sicherstellen, dass queere Themen und Lebensrealitätengleichberechtigt sichtbar bleiben.
- ) Junge Menschen und ihre Selbstorganisationen müssen in politische Entscheidungs- und Gesetzgebungsprozesse zur Regulierung digitaler Plattformen einbezogen werden.
- ) Digitale Plattformen müssen differenziert reguliert werden, statt pauschaler Verbote.
- ) Alternative gemeinnützige Plattformen, die sich auf Kinder und Jugendlichespezialisieren, müssen gezielt gefördert werden.
- ) Maßnahmen zur Regulierung sozialer Medien müssen mit einer Strategie zur Stärkung von Medienkompetenz, Prävention von Mediensucht und wirksamen Maßnahmen gegen Hassrede verbunden werden.
- ) Digitale Jugendpolitik sollte junge Menschen nicht ausschließlich aus einer Schutzperspektive betrachten, sondern ihre digitale Teilhabe aktiv stärken und fördern.
- ) Verifikations- und Altersprüfungsverfahren müssen sicher gestaltet werden, ohne neue Risiken für Privatsphäre, Selbstbestimmung oder ungewollte Outings zu schaffen.
Jugendnetzwerk Lambda e.V.
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